RT Deutsch berichtet von einem Twitter Streit der das Kernproblem der heutigen Zeit auf den Punkt bringt. Nicht nur in der Lehrbuchökonomie können wir intellektuelle Savants beobachten, die auf ihrem Gebiet zwar Hervorragendes leisten, aber dann kläglich scheitern, mathematische Konzepte in ihrem Fach korrekt anzuwenden.

Konkret geht es um das mathematische Abstraktum Exponentialfunktion, das in der realen Welt praktisch nirgends zu beobachten ist. Professor Homburg postet diese vergleichende Übersicht:

Vergleich exponentiell sigmoid

Unter Sigmoidfunktionen versteht man Funktionen, die einen endlichen Funktionswert haben, auch wenn die unabhängige Variable gegen unendlich strebt. Die auch schon in unserem Talk angesprochene Gompertz-Funktion gehört zu dieser Klasse von Funktionen und liefert eine zutreffende Beschreibung für die Ausbreitung von Viren.

Was überhaupt nicht geht, wenn irgendwelche Vollpfosten mit einem Pippi-Langstrumpf-Verständnis von Mathematik (Zinseszinsformel, ‚Josefspfennig‘) den Finanzwissenschaftler Stefan Homburg (mit Abschluss in Mathematik) verbal anpissen. Auch in der Finanzwisssenschaft gibt es einen limitierenden Faktor! Dieser Faktor ist die Dimension Zeit! Bei den dort benutzten Formeln geht es vor allem darum, wie ein Gesamtbetrag über einen größeren (endlichen) Zeitraum ‚angemessen‘ auf kleinere Intervalle aufgeteilt werden soll. Diese Aufteilung kann man auch als Finanzierung bezeichnen.

Zu den in der Grafik schon zitierten Politikern müssen auch die Lehrbuchökonomen als mathematisch minderbegabte Anwender gezählt werden, die sich in der Zwangsjacke Rationalität festgefahren haben, wie Nassim Taleb in ‚Black Swan‘ festhält (Hervorhebung von mir):

In der orthodoxen Ökonomie wurde die Rationalität zu einer Zwangsjacke … Dies führte zu mathematischen Techniken wie „Maximierung“ oder „Optimierung„, auf denen Paul Samuelson einen Großteil seiner Arbeit aufbaute … Diese Optimierung setzte die Sozialwissenschaft zurück, indem sie sie von der intellektuellen und reflektierenden Disziplin zum Versuch einer „exakten Wissenschaft“ reduzierte. Mit „exakter Wissenschaft“ meine ich ein zweitklassiges Ingenieursproblem für diejenigen, die so tun wollen, als wären sie in der Physik-Abteilung – so genannter Physik-Neid. Mit anderen Worten, ein intellektueller Betrug …

und

Tragischerweise hatten vor der Verbreitung von empirisch blinden Savants interessante Arbeiten von wahren Denkern wie J. M. Keynes, Friedrich Hayek und dem großen Benoît Mandelbrot begonnen, die alle verdrängt wurden, weil sie die Ökonomie von der Präzision einer zweitklassigen Physik wegführten.

Für das wohl größte globale Problem des 21. Jahrhunderts, das unter dem vereinfachenden Schlagwort ‚Klimawandel‘ subsumiert wird, entblöden sich die zahlenwi***enden Scharlatane unter den Ökonomen nicht, mit absurden Annahmen (ökonomische Aktivitäten seien kaum betroffen, weil sie in geschlossenen Räumen stattfinden) und fragwürdige Methoden (Manipulation durch Fummeln am Zinssatz bei der Diskontierung künftiger Kosten und Erträge) in ihren Pipifax-Modellen sich die Welt schönzurechnen.

Was sich für mich in den letzten Monaten als Quintessenz herauskristallisiert hat:

  • Mathematik ist schwer. Der Mensch hat keinen intuitiven Zugang zum Abstraktum Zahl. Um Zahlen richtig einzuordnen, muss er sie in seine Erfahrungswelt bewusst integrieren und das kostet Energie (nachrechnen).
  • Mathematische Statistik ist super schwer. Sie ist ein Teilgebiet, zu deren Verständnis Konzepte benötigt werden, die am Rand dessen sind, mit denen sich Mathematik beschäftigt.
  • Die Anwendung von Statistik in den Lebenswissenschaften (Biologie, Virologie…) ist schwerschwer. In der realen Welt gibt es zu viele Faktoren, die Einfluss nehmen können.
  • Die Anwendung von Statistik in den Sozialwissenschaften ist schwerschwerschwer. Hier kommt der Mensch als zusätzlich handelnder Faktor hinzu, der die Komplexität vervielfachen kann.

Aus diesen Gründen verbietet sich in meinen Augen insbesondere, mit Hilfe von Statistik Aussagen über die Zukunft treffen zu wollen. Derartige Statements sind stets mit größter Vorsicht zu geniessen.